Hamburg und Kunst – das ist eine komplexe Verbindung, deren Komponenten auch nach fast einem Jahr Einwohnerschaft nicht eindeutig bestimmt werden können. Mal sieht es so aus, als habe die Stadt Kunst schlicht nicht nötig. Nicht ohne Grund heißt eine von Artblock Hamburg initiierte Diskussion am 8. September “Braucht Hamburg Kunst?”. Dieser Tage jedoch scheint die Hansestadt wie verwandelt: Ein Kunstereignis jagt das nächste, zum ersten Mal ist abzuwägen, welche Eröffnung den Vorrang erhält.
Den Start machte am Mittwoch Abend subvision, ein Kunstfestival in der HafenCity. Die Schau trägt das Wörtchen “off” im Untertitel, an dem sich die Geister scheiden. Hanno Rauterbergs Artikel in der Zeit, der Subvision auf Subversion zurückführte, bestimmte nur den Ausgangspunkt der Verwirrung. Das Festival versucht von vornherein Unvereinbares zu verbinden: Der Standort im Herzen der HafenCity versprüht einen chaotischen Charme. Unüberschaubar ist das Gelände – eine Ansammlung aus Frachtcontainern, Liegestühlen und Pommes-Buden. Bei näherem Hinsehen werden die Unstimmigkeiten sichtbar: Die präsentierten Arbeiten der eingeladenen Künstler-Kollektive haben nicht die Durchschlagkraft, sich von ihrem Ausstellungsort, dem Metall-Container, zu emanzipieren. Das Prozesshafte der Arbeitsweisen steigert sich zur einzigen Aussage und so wird vielleicht die Stärke des Festivals in der Vermittlung der Inhalte in Gesprächen und und der Auseinandersetzung mit dem Besucher liegen. Doch wer findet den Weg auf die abgelegene Landzunge inmitten der kulissenhaften Future-Architektur? Am Eröffnungsabend herrschte reges Treiben auf dem Gelände, das jedoch eher an einen Abend in Westerland erinnerte, als an eine subkulturelle Veranstaltung. Mit High Heels im Bauschutt, den Mops unter dem Arm und auch das Catering stammte natürlich nicht von Schabi’s Fischimbiss, sondern von Fillet of Soul. Hamburgs selbst gemachte Klischees sind manchen Tags so groß, dass man sie selbst mit der größten Anstrengung nicht überwinden kann. Auch das kleine Wörtchen “off” leistet da keinen Beitrag, lässt die Brüche umso offensichtlicher werden: So sträuben sich Chto delat, eine der Künstlergruppen, vehement, in dieser Kategorie vereinnahmt zu werden.

Komm in die Gänge
Anders dagegen die Lage im Stadtinneren: Komm in die Gänge nennt sich eine Künstler-Initiative, die gegen die den Abriss des historischen Gängeviertels in der Innenstadt kämpft. Nicht nur St. Pauli sieht sich massiven städtebaulichen Offensiven ausgesetzt, auch das kleine Viertel am Valentinskamp soll protzigen Neubauten weichen. Ein Stück Hamburger Geschichte soll hier ausgelöscht und durch funktionale Büroarchitektur ersetzt werden. Das Ergebnis ist verglastes Raumvolumen, das im Zweifel, wie viele Neubauten am Platz, leer bleiben würde – ohne Nutzen für niemanden. Die beteiligten Künstler fordern den Erhalt der historischen Bausubstanz und eine Belebung des Viertels. Die Gebäude sollen Kreativen als Arbeitsraum dienen. Schon jetzt haben sie mit einer Hausbesetzung einen ersten Schritt erreicht. In den Untergeschossen der Häuser sind Ausstellungen zu sehen, ein Hinterhof dient als Versammlungs- und Informationsraum. Die gezeigten Arbeiten innerhalb der ehemaligen Wohnräume fügen sich symbiotisch in die Situation ein, ohne die eigene Wirkungskraft einzubüßen. Off ist hier nicht ein Beiwerk, das man zu- oder ablegen kann. Off, so wird schnell deutlich, ist eine natürliche Zustandsbeschreibung. Der Charme rührt nicht von einer Deplatziertheit her, sondern von der durchschlagenden Authentizität des Geschehens am Ort, das, so bleibt zu hoffen, den Abrissbirnen trotz kann.
Comments 1
Das Gängeviertel in den Tagesthemen: http://www.tagesthemen.de/multimedia/video/video557952.html
Posted 29 Aug 2009 at 10:41 ¶…mit Daniel Richer-Einlage!
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